Arbeitszeugnis prüfen: mitschicken oder nachbessern?

By , founder of CVBooster · Published · Updated

11 min read

Sie haben Ihr Arbeitszeugnis durch eine der bekannten Decoder-Tabellen geschickt und sind an diesem Satz hängen geblieben: "Sie erledigte die ihr übertragenen Aufgaben zu unserer vollen Zufriedenheit." Ohne "stets". Das ist Note 3. Die Bewerbungsfrist läuft in vier Tagen ab, das Portal verlangt einen Upload im Feld "Arbeitszeugnisse", und genau an dieser Stelle hören die Decoder-Tabellen auf. Sie sagen Ihnen, welche Note Sie haben. Sie sagen Ihnen nicht, was Sie am Dienstag tun sollen.

Dieser Text beginnt dort. Es gibt drei Wege: mitschicken, eine Berichtigung verlangen, oder weglassen und die Rückfrage im Vorstellungsgespräch einplanen. Welcher passt, hängt an prüfbaren Faktoren, nicht am Bauchgefühl. Dazu kommt die Rechtslage: Sie haben einen einklagbaren Anspruch, aber er reicht nicht so weit, wie viele Ratgeber suggerieren.

Was Note 3 tatsächlich bedeutet

Die Leistungsbeurteilung folgt in Deutschland einer eingespielten Zufriedenheitsskala. Sie steht in keinem Gesetz, sie hat sich über Jahrzehnte in der Personalpraxis und in der arbeitsgerichtlichen Rechtsprechung verfestigt. Der entscheidende Satz steht fast immer am Ende des Aufgabenteils und beginnt mit einer Variante von "zu unserer Zufriedenheit".

Zwei Wörter tragen die halbe Skala: "stets" und "vollsten". Fehlt "stets", rutscht die Beurteilung um eine Note ab, weil die Aussage zeitlich eingeschränkt wird. Fehlt der Superlativ, ebenfalls. Note 1 und Note 3 liegen im Zeugnis also oft nur zwei Silben auseinander.

Wichtig für die Einordnung: Diese Skala ist kein verbotener Geheimcode. § 109 Abs. 2 GewO untersagt Formulierungen, die "eine andere als aus der äußeren Form oder aus dem Wortlaut ersichtliche Aussage" treffen sollen. Die Zufriedenheitsskala ist öffentlich bekannt, in Kommentarliteratur und Urteilen dokumentiert und aus dem Wortlaut ableitbar. Verboten sind dagegen versteckte Signale wie auffällige Ausrufezeichen, Anführungszeichen um harmlose Wörter, unmotivierte Absatzbrüche oder Sätze, die nach außen positiv klingen und intern das Gegenteil transportieren. Wenn Sie so etwas finden, haben Sie einen deutlich stärkeren Hebel als bei einer Note 3.

Sechs Stellen, die Sie vor dem Notensatz prüfen sollten

Personalverantwortliche lesen ein Zeugnis nicht von vorn nach hinten. Sie springen zur Schlussbeurteilung, zur Verhaltensbeurteilung und zur letzten Zeile. Prüfen Sie in derselben Reihenfolge.

Tip: Legen Sie das Zeugnis neben Ihre Stellenbeschreibung und markieren Sie jede Aufgabe, die im Zeugnis fehlt. Eine unvollständige Tätigkeitsbeschreibung ist der am leichtesten durchsetzbare Berichtigungspunkt, weil es dabei um belegbare Tatsachen geht und nicht um eine Bewertung.

Die Rechtslage in Deutschland, Stand 2026

Grundlage ist § 109 der Gewerbeordnung. Absatz 1 gibt jedem Arbeitnehmer bei Beendigung des Arbeitsverhältnisses Anspruch auf ein schriftliches Zeugnis. Das einfache Zeugnis nennt nur Art und Dauer der Tätigkeit. Auf Verlangen muss der Arbeitgeber es auf Leistung und Verhalten erweitern, das ist das qualifizierte Zeugnis. Dieses Verlangen müssen Sie aussprechen. Für Auszubildende gilt parallel § 16 BBiG.

Absatz 2 verlangt eine klare und verständliche Formulierung und verbietet die verdeckten Signale. Aus der Rechtsprechung kommt der zweite Grundsatz, der im Gesetz nicht steht: Ein Zeugnis muss wohlwollend sein, aber wahr. Wohlwollen begrenzt die Formulierung, es ersetzt keine Leistung. Kein Gericht verpflichtet einen Arbeitgeber, eine schwache Leistung als gut zu bescheinigen.

Damit sind wir beim wichtigsten Urteil für Ihre Entscheidung. Das Bundesarbeitsgericht hat am 18. November 2014 (9 AZR 584/13) entschieden: Hat der Arbeitgeber bescheinigt, der Arbeitnehmer habe seine Leistungen "zur vollen Zufriedenheit" erbracht, muss der Arbeitnehmer im Prozess die Tatsachen vortragen und beweisen, die eine bessere Schlussbeurteilung rechtfertigen. Die Note 3 ist damit prozessual die Nulllinie. Wollen Sie auf 2 oder 1, tragen Sie die Beweislast. Das Argument, in der Praxis würden ohnehin fast nur Zeugnisse mit Note 1 und 2 ausgestellt, hat das Gericht ausdrücklich nicht genügen lassen. Umgekehrt gilt: Steht dort Note 4 oder schlechter, muss der Arbeitgeber die schlechte Bewertung belegen. Das dreht das Kräfteverhältnis vollständig um.

Zur Schlussformel: Sie haben darauf keinen Anspruch. Das BAG hat am 11. Dezember 2012 (9 AZR 227/11) klargestellt, dass Dank und Zukunftswünsche persönliche Empfindungen des Arbeitgebers sind und nicht zum gesetzlich geschuldeten Zeugnisinhalt gehören. Sie können eine Schlussformel also nicht erzwingen. Sie können aber verlangen, dass eine halbherzige oder abwertende Schlussformel ersatzlos gestrichen wird. Ein Zeugnis ohne Schlussformel ist in vielen Fällen besser als eines, das nur "Wir wünschen ihm für die Zukunft alles Gute" enthält, ohne Bedauern und ohne Dank.

Neu und in älteren Ratgebern noch falsch dargestellt: Seit dem 1. Januar 2025 erlaubt § 109 Abs. 3 GewO das Zeugnis mit Einwilligung des Arbeitnehmers in elektronischer Form. Bis dahin war die elektronische Form ausdrücklich ausgeschlossen. Elektronische Form bedeutet dabei § 126a BGB, also eine qualifizierte elektronische Signatur des Ausstellers, nicht ein eingescanntes PDF und nicht ein Bild einer Unterschrift. Praktische Folge für Sie: Ein per E-Mail geschicktes Scan-PDF erfüllt die Form weiterhin nicht. Sie können auf einem unterschriebenen Original auf Firmenpapier bestehen. Ohne Ihre Einwilligung gibt es die elektronische Variante ohnehin nicht.

Wie lange Sie eine Berichtigung noch verlangen können

Der Zeugnisanspruch verjährt nach der regelmäßigen Frist des § 195 BGB in drei Jahren, gerechnet ab dem Schluss des Jahres, in dem der Anspruch entstanden ist. Diese drei Jahre sind aber die Obergrenze und in der Praxis selten der maßgebliche Zeitraum.

Die Entscheidung: mitschicken, nachbessern oder weglassen

Entscheidend ist nicht die Note allein, sondern fünf Faktoren: die Höhe der Note, ob es das letzte oder ein älteres Zeugnis ist, die Dauer der Station, ob das Papier widersprüchlich oder unvollständig ist, und wie viel Zeit bis zur Bewerbungsfrist bleibt.

Tip: Faustregel: Eine Note 3 schadet weniger als eine unerklärte Lücke in der Zeugnisreihe. Eine Note 4 oder schlechter schadet mehr als die Lücke. Ab Note 4 lohnt der Berichtigungsversuch fast immer, weil sich die Beweislast dort zu Ihren Gunsten dreht.

Weg 1: Nachbesserung schriftlich verlangen

Der häufigste Fehler ist ein Anruf beim alten Chef mit der Bitte, "noch mal drüberzuschauen". Das erzeugt keine Frist, keinen Nachweis und keine Verhandlungsposition. Schreiben Sie stattdessen, per E-Mail mit Lesebestätigung oder per Einschreiben, an die Personalabteilung mit Kopie an die frühere Führungskraft.

Eine Formulierung, die funktioniert

"Sehr geehrte Frau Muster, für die Übersendung meines Zeugnisses vom 30.04.2026 danke ich Ihnen. In zwei Punkten bitte ich um Berichtigung. Erstens fehlt in der Tätigkeitsbeschreibung die Leitung des Projekts Warenwirtschaft, die ich von März 2024 bis Februar 2026 mit einem Team von vier Personen verantwortet habe. Zweitens weicht die Schlussbeurteilung von den Einzelbeurteilungen ab, die mir durchgehend eine sehr sorgfältige und selbstständige Arbeitsweise bescheinigen. Einen entsprechend angepassten Entwurf habe ich beigefügt und bitte um Rücksendung des berichtigten Zeugnisses bis zum 20.08.2026."

Reagiert der Arbeitgeber nicht, folgt die Zeugnisberichtigungsklage beim Arbeitsgericht. Zwei Punkte machen das weniger dramatisch, als es klingt: Nach § 12a Abs. 1 ArbGG trägt in der ersten Instanz jede Partei ihre eigenen Anwaltskosten, auch die obsiegende. Sie riskieren also nicht die Rechnung der Gegenseite. Und der Streitwert wird in Zeugnisstreitigkeiten üblicherweise mit einem Bruttomonatsgehalt angesetzt, was die Gerichtskosten überschaubar hält. Erteilt der Arbeitgeber das festgestellte Zeugnis nicht, wird nach § 888 ZPO mit Zwangsgeld vollstreckt. In der Praxis lenken die meisten Unternehmen schon im Gütetermin ein.

Weg 2: Mitschicken und nicht thematisieren

Wenn Sie das Zeugnis mitschicken, dann kommentarlos. Rechtfertigungen im Anschreiben lenken die Aufmerksamkeit genau auf den Satz, den Sie nicht betont haben wollen. Kein "trotz der Formulierung im Zeugnis", kein "aus persönlichen Gründen war das letzte Jahr schwierig". Ihre Unterlagen bestehen aus Anschreiben, Lebenslauf und Anlagen, und die Anlagen stehen für sich.

Im öffentlichen Dienst, in Banken, in der Versicherungswirtschaft und in klassischen Konzernstrukturen werden Zeugnisse genauer gelesen. In Start-ups, in der IT und in Mangelberufen wie Pflege, Handwerk und Logistik zählen Verfügbarkeit und Qualifikationsnachweis deutlich mehr. Richten Sie Ihre Entscheidung am Zielsegment aus.

Weg 3: Weglassen und die Rückfrage einplanen

Weglassen ist legal, solange die Ausschreibung Zeugnisse nicht ausdrücklich verlangt. Verschweigen Sie dagegen die Station selbst, betrifft das Ihre Wahrheitspflicht und kann eine spätere Anfechtung des Arbeitsvertrags begründen. Die Station gehört in den Lebenslauf, das Zeugnis muss nicht in die Anlagen.

Rechnen Sie damit, dass die Lücke auffällt. Recruiter zählen die Zeugnisse gegen die Stationen im Lebenslauf. Fehlt ausgerechnet das letzte, kommt die Frage im Gespräch oder spätestens vor der Vertragsunterschrift. Bereiten Sie eine Antwort vor, die aus drei Teilen besteht und unter dreißig Sekunden dauert.

Tip: Antwortgerüst: erstens die sachliche Tatsache ohne Schuldzuweisung ("Das Zeugnis liegt vor, es fällt zurückhaltender aus als meine Einzelbeurteilungen"). Zweitens der Grund in einem Satz, ohne den alten Arbeitgeber schlechtzumachen ("Nach dem Führungswechsel im letzten Jahr lag mein Aufgabenschwerpunkt anders als vereinbart"). Drittens der Beleg für heute ("Zwei Referenzen aus der Zeit stelle ich Ihnen gern zur Verfügung"). Danach schweigen und die nächste Frage abwarten.

Bieten Sie das Zeugnis auf Nachfrage aktiv an. Wer ausweicht, macht aus einer Note 3 ein Vertrauensthema, und das ist erheblich teurer.

Was Sie parallel in Lebenslauf und Anschreiben tun

Ein schwaches Zeugnis verliert an Gewicht, wenn die restlichen Unterlagen konkret sind. Nicht weil Sie damit etwas überdecken, sondern weil Sie dem Leser überprüfbare Anhaltspunkte liefern, die stärker wirken als eine Standardformulierung aus der Personalabteilung.

Fünf Fehler, die den Fall verschlimmern

Zeitplan nach verbleibender Frist

Beides parallel zu betreiben ist normal: Sie bewerben sich mit dem vorhandenen Zeugnis und verlangen gleichzeitig die Berichtigung für die nächsten Bewerbungen.

Was Bewerbungen kostet, sind selten Noten. Es sind unerklärte Lücken, widersprüchliche Unterlagen und eine defensive Reaktion auf eine sachliche Frage. Prüfen Sie die sechs Stellen, wählen Sie einen der drei Wege, und schreiben Sie das Berichtigungsverlangen an dem Tag, an dem Sie den Satz zum ersten Mal richtig gelesen haben.

Ähnliche Artikel

Weitere Artikel

Get your free ATS score · All articles

Built by Mustafa Tarabya at DT Nova. CVBooster for iPhone is on the App Store.